Am
nächsten Tag erwachte Kno mit kitzeln im Bauch und sein erster Gedanke galt
Mandy. Er stand auf und wollte ins Bad als er Elli´s Stimme hörte. Sie stand in
der Küche und brühte gerade telefonierender Weise Kaffee auf. Den Kopf etwas
zur Seite geneigt, das Telefon zwischen Schulter und Kopf gequetscht hantierte
sie mit dem heißen Wasser über dem Keramikkaffeefilter und grinste Kno
liebevoll zu. „Ja, sag ich ihm, vielleicht geht’s ja mit dem alten
Papageienkäfig. O.K. ich schick ihn los, sobald er Kaffee getrunken hat. Dir
auch, tschüss Mandy.“
Kno
schaute sie erwartungsvoll an und konnte seine Ungeduld kaum zügeln: „Was ist
passiert?“ „Du sollst den Adler bitte zu Mandy bringen. Sie kann nicht weg,
weil es Probleme mit einer Stute gibt und sie muss bei ihr bleiben. Ach
übrigens, nimm den alten Papageienkäfig
für den Transport und leg eine Decker drüber. Mandy meint, dann wird es
keine Probleme geben. Und Du sollst sie auf den Arm nehmen und füttern.“ Kno
schaute sie etwas verständnislos an. „Wen soll ich in den Arm nehmen?“ „Ach
Kno, den Adler sollst Du auf den Arm nehmen und füttern, wenn Du ihn in den
Käfig steckst.“ Elli schüttelte den Kopf, typisch Mann, schon allein der
Gedanke an Mandy hatte ihm einen Knoten ins Gehirn gemacht.
Nachdem
Kno schneller als sonst mit seiner Morgenwäsche fertig war, trank er hastig
seinen Kaffee und fuhr zum Hafen
hinunter. Sonnenstrahlen schimmerten goldgelb in den weichen Wellen des kleinen
Fjords und die Boote bewegten sich sanft im Wind. Tardja war schon vom
nächtlichen Fischfang zurück und stapelte bereits seinen Fang kistenweise an
der Pier. Schmolle fuhr gerade mit dem Gabelstapler die erste Ladung in den
Kühlschuppen und begrüßte Kno mit einem Victoryzeichen im Vorbeirollen. Der
Fang muss wohl gut gewesen sein, so gut gelaunt wie sich der sonst so knurrige
Schmolle gab. Tardja war weniger gut drauf uns schimpfte leise vor sich hin.
Schmolle hatte wieder einmal beim Feilschen gewonnen und Tardja war bei den
seiner Meinung nach zu geringen Fischpreisen die Freude über den guten Fang
vergangen. „Hat er Dich wieder runtergehandelt? Du schaust so grämig?“ „Moin
Kno, immer das gleiche Spiel, er hat halt keine Konkurrenz und wenn ich erst
nach Ellingbrör fahren muss, ist der Gewinn allein bei diesen Spritpreisen
dahin! Aber ich hab ja noch die Makrelen für Holli und wenn die erstmal
geräuchert sind …“ Auch Kno lief beim Gedanken an Holli´s geräucherte Makrelen
das Wasser im Mund zusammen. „Was kann ich für Dich tun? Wiedermal eine feine
Gesellschaft auf hohe See beglücken?“ „Nein, ich brauch frischen Fisch,
vielleicht aus dem Beifang, also kleiner halt.“ Tardja schaute etwas ungläubig
und wies mit der Pfeife im Mund auf einen kleine Eimer neben der Netzwinde. „Da
müsste noch etwas für die Katzen drin sein, hast Du jetzt auch ´ne Katze?“
„Nein einen Vogel, also einen Adler. Ist gestern bei uns bruchgelandet und
braucht was zu fressen. Die Tierärztin sagt er ernähre sich hauptsächlich von
Fisch. Das müsste reichen, was bekommst Du?“ „Ach lass stecken, wegen dem bisschen
Kleinkram, willst Du nicht frische Schollenfilets für Elli mitnehmen? Mach Dir
´nen guten Preis?“ Kno ließ sich überzeugen und Tardja schaute weniger
mürrisch, da er mit solchen Nebenbeiverkäufen sein Taschengeld an seiner
geliebten Luois vorbei verdienen konnte.
Im
Stall blickte ihn die Adlerdame etwas missmutig an und begrüßte ihn mit einem
heißeren Schrei. Kno war sich nicht ganz sicher wie er das mit der Fütterung
anstellen sollte und wickelte sich erstmal eine Decke um den linken Arm. Mit
einem kleinen Fisch in der rechten ging er langsam auf den Adler zu und hielt
ihm den Fisch hin. Kno erschrak als der Adler auf seinen Unterarm hüpfte und
mit weit aufgerissenem Schnabel nach dem Fisch biss. Kno schaute sich
verzweifelt nach einem Handschuh um als Elli in den Stall kam. „Na,
Raubtierfütterung? Du schaust etwas schreckhaft, hat sie dich gebissen?“ fragte
Elli. „ Nein noch nicht, aber gib mir mal den Arbeitshandschuh rüber bevor ich
noch einen Finger verliere.“ Elli stellte den Papageienkäfig ab und zog Kno den
Handschuh über. „ Sieht fast professionell aus, wie Du das machst“ lachte Elli
und der Adler schien ebenfalls zu grinsen. Sie nahm einen Fisch aus dem
Zeitungspapier und hielt ihm dem Vogel hin. Mit leicht schrägem Kopf blickte
der Adler Elli an und nahm den angebotenen Fisch, diesmal weniger hastig.
„Siehst Du, geht doch, sie ist halt doch eine Dame und weiß sich zu benehmen.“
Kno schüttelte etwas ungläubig den Kopf und fütterte weiter. Nach 7 Fischen hatte den auch die Adlerdame keinen
Appetit mehr und fing an sich das Gefieder zu putzen. „So, nun setzt sie mal
auf der Stange ab, ich halt den Käfig solange.“ Elli hob den Käfig ohne Boden
an und stülpte ihn über Kno´s Arm. Der Adler setzte sich auf den Ast im Käfig
und schaute ganz zufrieden als Elli ihn auf der Werkbank absetzte. “Das ist
noch etwas zu viel für meinen Arm, so ein vollgefressenes Vögelchen. Gib mal
den Boden rüber.“ Kno stellte den Boden neben den Käfig auf die Werkbank und
hob den Käfig an. Elli beeilte sich den Boden unter den Käfig zu schieben und
die Verschlüsse zu arretieren. „So, reisefertig!“ lachte Elli und reichte Kno
noch einen Kaffee, den sie mitgebracht hatte. Kno setzte sich neben die Werkbank
und schaute dem Adler beim Morgenputz zu. „Macht sich fein die Dame, für den
Ausflug zu Frau Doktor.“ Kaum hatte er ausgesprochen traf ihn die
Morgentoilette der feinen Dame an der Schulter. „Scheiße, was ist das denn?“
schrie Kno entsetzt. Elli kriegte sich vor Lachen nicht mehr ein. „Ja im
wahrsten Sinne des Wortes…. Das soll Glück bringen, also wenn´s im Genick
trifft… vielleicht auch an der Schulter …. Ist ja nah dran…“ Elli prustete nur
so vor Lachen und Kno stand da wie ein begossener Pudel. „Komm zieh den Pulli
aus ich nehm´ ihn mit in die Wäsche“ schüttelte sich Elli immer noch vor lachen
und ging ins Haus.
Als
Kno einen neuen Pullover angezogen hatte lud er die Adlerdame mit dem
zugedeckten Käfig in den Landrover, holte den restlichen Fisch aus dem Stall
und fuhr nach Öldsbroor zu Mandy. Im Öldshof hat sie
ihre Praxis eingerichtet, hatte sie gesagt, etwa einen Kilometer hinter dem
Ortsausgang rechts hoch. Kno fuhr langsamer und schaute nach einem Weg der
rechts hoch ging. Er war schon lange nicht mehr in dieser Richtung durch
Öldsbroor gefahren und hatte nur ungefähr eine Vorstellung von der Gegend. Er
wollte schon aufgeben und wieder zurückfahren als er ein kleines Schild rechts
am Strassenrand sah: Tierarztpraxis.
„So
so, etwa einen Kilometer hinter dem Ortsausgang. Na
waren ja nur etwa drei und die Praxis ist sicher auch gleich hinter der
nächsten Biegung..“ Kno sah sich im Vorurteil
bestätigt. Doch je näher er der Praxis kam desto mehr kitzelte es im Bauch und
vermischte sich mit dem mulmigen Gefühl, das er auch vor wichtigen
Geschäftsbesprechungen her kannte, nur noch ein bisschen anders. Der Weg zog
sich mitten durch die kurz gemähten Weiden und wand sich serpentinenartig bis
vor das kleine Gehöft. Zwei Neufundländer kamen neugierig angelaufen als Kno
aus dem Wagen stieg. „Na, wo ist die Frau Doktor“ begrüßte er die Hunde die ihn
freundlich wedelnd beschnüffelten. Ihr ging auf die
alte Haustür zu und suchte vergeblich nach einer Klingel. Erst als er sich
umdrehte bemerkte er die alte Kuhglocke an der Überdachung hängen. Vorsichtig
schlug er mit dem Klöppel an die Glocke und die Hunde fingen an zu bellen. „Ach
so geht das“ lachte Kno und die Hunde rannten schwanzwedelnd
Richtung Stallgebäude. Kno folgte ihnen. Er schielte durch die halbgeöffnete
Stalltür und trat ein. „Hier hinten bin ich“ klang eine Stimme aus einer der
Pferdeboxen. Kno ging mit alten Pflastersteinen ausgelegten Gang an den Boxen
vorbei bis er auf Mandy traf, die kniend über einem Fohlen saß und es mit Stroh
kräftig abrieb. „Ich komme gleich, muss nur noch der Mami gratulieren, nach so
einer schweren Geburt.“ Dabei blickte sie nur kurz lächelnd zu Kno un d wand sich wieder dem Fohlen und der Stute zu. „Das
hast Du ganz fein gemacht, Du Tapfere, nun nimm dein Kleines, ja schleck es mal
ordenlich ab.“ Das kleine Fohlen konnte sich mit Mandy´s Hilfe kaum auf den zarten Beinen halten und
wackelte zwischen Mandy und seiner Mama hin und her. Die Stute berührte das
Fohlen immer wieder mit der Nase und schien es in Richtung Gesäuge
schieben zu wollen. Mandy stand auf und sah sehr müde aus. „ So, jetzt hab ich
mir aber einen Kaffee verdient, wie spät ist es überhaupt?“ fragte sie Kno der
verwirrt auf seine Uhr schaute. „Halb elf. Bist Du schon lange dabei?“ „Ja,
seit heute morgen um vier. Ich hab hier bei ihr geschlafen und gegen vier wurde
sie sehr unruhig. Komm ich mach uns einen Kaffee. Jetzt ist alles gut.“ Mandy
nahm Kno am Arm und ging mit ihm zum Haus. Kno empfand ein seltsam vertrautes
Gefühl als er so am Arm von Mandy zum Haus schlenderte. Gerade so, als wäre es
immer so gewesen und müsste so sein. Dabei kannte er sie erst seit gestern abend und doch war es als wären es Jahrhunderte. Mandy
führte ihn in die altbäuerliche Küche, stellte ihm Kaffeepulver und Filter hin und
füllte den Wasserkocher auf. „Schaffst Du das? Ich geh solange mal unter die
Dusche“ und entschwand mit einem breiten Grinsen. Da stand er nun umringt von
zwei wedelnden Neufundländern und einer schnurrenden Katze, die wohl auf ihre
Milch wartete. Als dass Wasser kochte goss er es über das Kaffeepulver und
genoss den ausströmenden Duft frischen Kaffees. „Was meint ihr, wo sind hier
wohl die Tassen?“ blickte er fragend die Hunde an. „Im weißen Schrank links“
sagte eine liebevolle Stimme hinter ihm und Mandy stand in der Tür. Sie hatte
ein buntes Kleid übergeworfen und rieb sich mit einem Handtuch die langen Haare
trocken. Die Milch steht unterhalb im Kühlschrank und die Katze bekommt nichts
davon ab. Katzen sollen keine Kuhmilch haben. Vertragen die nämlich wirklich
schlecht. Kannst Du den Kaffee nach draußen bringen, ist schön warm in der
Sonne.“
Kno
schenkte zwei Tassen voll, halb Milch halb Kaffee, und folgte Mandy nach
draußen. „Oh, soviel Milch im Kaffee, französisch, genau wie ich das mag“
freute sich Mandy und warf Kno einen lieben Blick zu bevor er sich neben sie
auf die Bank setzte.